Der alltägliche Kampf oder (k)ein A-ha – Erlebnis

Es ist gut, dass ich das gleich niederschreibe, denn das Erlebnis ist erst drei Tage her. Aber die Erkenntnisse die ich daraus gewinne sind immens, wenn auch nicht neu!
Vor zwei Wochen fragte mich Jack, der jetzt auch meistens wieder auf der Base lebt, was ich mache, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Ich bereitete gerade meinen Unterricht über „geistlichen Kampf“ vor. Dazu las ich ein Buch, guckte durch vergangene Aufzeichnungen, betete zwischendurch viel, auch laut auf deutsch, selbst wenn andere dabei saßen. Das ist hier völlig normal. Es schien eine etwas unverhoffte Frage von ihm, spielte aber auf eine mögliche praktische Anwendung für ihn auf mein Thema an. Spontan antwortete ich: „Hoffen, dass morgen ein besserer wird.“ Nach weiterem Denken: „Hoffen, dass es möglichst wenige bemerken und ich nicht andere damit anstecke.“Beten scheint mir immer die offensichtlichste Antwort und wollte dies nicht unbedingt so antworten. Aber zurück zur Anwendung (die natürlich jeden Tag anwendbar ist)
Schon die ganze Woche fühlte ich mich nicht so gut, vielleicht lag es an der PMS oder an dem beständigen Vitamin- und Mineralmangel den ich ausmachen konnte als ich mit meiner Chefin über meine Symptome vor mehr als einer Woche sprache. Das Klima fordert einfach alles von dir. Es dauert wirklich eine ganze Weile ehe man sich angepasst hat. Ich bin eigentlich fast immer müde, meine beste Zeit ist, wenn die Sonne untergeht, also zwischen 17 und 20 Uhr. Oft „rette“ ich mich bis 22 Uhr damit ich nachts gut schlafen kann, aber in dieser Zeit kann ich oft gar nichts tun außer Musik hören. Vitamine sind hier so teuer, dass ich mir von meinem Chef welche aus den USA mitbringen lassen möchte, wenn er nächste Woche dorthin reist. Also heißt es jetzt damit umgehen…nur wie? Auch arbeite ich körperlich hart, ca. 5-6 Stunden Gartenarbeit sind gerade angesagt, aber alles ist unter meiner Verantwortung, was mir totalen Spass macht, denn ich finde immer was zu tun.
Nachts schlafe ich leider nicht so gut, weil meine Mitbewohnerinnen, die sehr gute Freundinnen sind, oft länger wach bleiben, zwar rücksichtsvoll sind, aber ich bin auch extrem empfindlich. Schließlich bin ich es nicht mehr gewohnt mir ein Zimmer zu teilen. Es widerspricht meinem Wohlempfinden. So ärgere ich mich eigentlich jeden Abend und kann es nicht abstellen., Es ist absolute Gnade, dass ich überhaupt für 6-7 Stunden Schlaf bekomme und mich gern am Nachmittag nochmals hinlege.
Donnerstag wachte ich auf mit schlechten Gedanken, vor allem aber verglich ich mich mit den anderen auf der Base. Jeder schien eine Bezugsperson zu haben, außer mir! Ich glaube, dass ich mich genau daran „festbiß“. Woher kam das? Naja, weil ich nicht genug portugiesisch spreche. Leider schaffe ich es auch nicht, das Lernen in meinen Tagesablauf einzubauen. Desweiteren bin ich ein Lerner, der im direkten Austausch lernt, also wenn mich jemand fördert. Es ist schwer jemanden zu finden, der wie meine Freundin Vanessa ist, die mir letztes Jahr im Gespräch portugiesisch beibrachte. Alles scheint so anstrengend hier. Der Umgang mit der anderen Kultur, das andere Essen, das viele Alleinsein beim Arbeiten, die Hitze, etc. Gerne würde ich mehr Zeit mit meinen „Wohlfühlleuten“ wie Elauna, Bernardo, Wenton und Dino verbringen, aber entweder sind sie in der community oder gerade im Urlaub. Wenn ich viel nachdenke, kommt mir das ganze Leben hier wie ein langer Traum vor, wann wache ich endlich auf? Alles ist so abgefahren anders Nachts träume ich oft von Deutschland, meistens von der FES und den Leuten dort. Manchmal erscheint mir das realer…
Mir war klar, dass ich in einem geistlichen, emotionalen Kampf bin. Es fiel mir aber schwer dagegen anzukämpfen. Mir war auch klar, dass wenn ich mich wieder mit dem diesem Thema ausführlicher beschäftige, dass Gott mit mir tiefer gehen möchte und das naürlich umkämpft ist.
Gleichzeitig überlegte ich wie ich mir den Tag schöner gestalten konnte als nur an Arbeit und Überleben denken. Selbst die Aussicht am Abend auf ein A-ha-Konzert in Barcarena zu gehen, schien meine Stimmung nicht aufzuhellen. Aber mir fiel nichts ein. Also drückte ich mich auf facebook aus und hoffte auf Mitgefühl, Antworten, gehört werden oder einfach Gebet, vor allem da wo es mir mangelte. Ich muss noch dazu sagen, dass meine Stillen Zeiten gerade schwierig abzuhalten sind. Ich stehe zwar 6 Uhr auf und nehme mir Zeit, aber oft bin ich noch zu müde. Sobald es ab 6 Uhr hell ist, bin ich sowieso wach, also stehe ich auch auf. Als ich die Nachricht abschickte, bereute ich sie auch schon, denn in der Gruppe sind auch meine Chefin und mein Chef. Und ich konnte einsehen, dass sie es bereits gesehen hatte. Prompt sprach sie mich in der Arbeitseinheit drauf an. Ich mag das an ihr, aber sie kann recht streng auf mich wirken. Sie machte mir keinen Vorwurf, aber stellte gleich fest, dass ich mich da in etwas reingesteigert hatte oder mich z.B ihr gegenüber zu äußern, dass ich gerade Schwierigkeiten habe und mich vor allem einsam fühle. Sie wäre die richtige Person auch wenn wir vielleicht nie Freundinnen werden. Dazu sind wir zu unterschiedlich, dazu mag ich die vielleicht deutsche Distanz zu meinen Vorgesetzten. Sie stimmte mit mir überein, aber sie sei für mich da. Das schätze ich sehr. Sie meinte auch, dass in dieser Zeit mir Jesus in meiner Einsamkeit vielleicht was Wichtiges beibringen möchte, was ich mit nahen Freundinnen eventuell nicht lernen würde. Frag Jesus, was das ist. Das tat weh zu hören, aber sie hatte recht. Ich weinte und entschuldigte mich für mein Beschweren. Ja, mir tut es auch öfter weh zu hören, wenn Leute sich beschweren und halte mich damit auch sehr zurück, an dem Tag ist es mir nicht gelungen. Meine Chefin (Enna) warnte mich auch davor mich so offen auf facebook zu äußern, denn manche könnten mich missverstehen. Ich denke schon, dass ich gelernt habe, mich auf Jesus zu werfen, aber manchmal reicht mir das eben nicht, manchmal will ich das auch nicht und glaube nicht, dass ER mir alles abnimmt, oft weiß ich auch nicht wie das geht, vor allem wenn sich die Gefühle dazu nicht ändern. Also heulte ich meine einsamen Tränen des Selbstmitleids.
Ich sollte am Nachmittag etwas in der Küche aushelfen, Spagetti kochen. Enna gab mir die Anweisung eine Packung nach der anderen zu kochen, was ich irgendwie komisch fand, denn der Topf war ja groß genug. Als sie die Küche verließ, warf ich beide Packungen ins kochende Wasser. Als sie nochmal nachhakte, gab ich zu, dass beide schon am Kochen waren. Sie wirkte enttäuscht, aber handelte schnell und setzte noch einen Topf mit Wasser auf. Schließlich sollte ich Hausbesuche machen. Enna erklärte mir nun den Grund für das extra Kochen: die Spagetti hier sind so schlechte Qualität, dass sie sehr schnell zusammenkleben würden, wenn es zu viele auf einmal sind. Sie machte mir keinen Vorwurf, aber an ihrer Stimme meinte ich zu erkennen, dass sie enttäuscht ist. Klar will ich immer wissen, warum man was macht, Oft meine ich auch, dass ich es besser weiß, weil ich auf vergangene Erfahrungen baue. In dem Fall kann ich mich gesegnet schimpfen, weil ich die Umstände des anderem Kochen verstand und damit Frieden schloß, auch weil Zeit dafür war.
Ich ging mit zwei Kollegen auf einen Hausbesuch in der Nachbarschaft, der echt gut lief. Ich kam langsam runter und bemerkte die Ausmaße meines komplexen Gedankengerüsts der sich auf mich und nicht auf Gott fixieren konnte. Doch als ich hier einer Frau mit drei Kindern und deren Probleme zuhörte und dabei im Fernsehen mitbekam, dass in Oregon ein Mann zehn Menschen erschoss, da wollte ich meinen kleinen Kampf nicht mehr kämpfen, sondern für andere! Wozu stellen wir uns dem geistlichen Kampf? Wozu ziehen wir die geistliche Waffenrüstung an?
Nicht allein, dass wir über uns selbst siegen, sondern, damit wir Menschen für Jesus erreichen. Plötzlich bekam ein Merksatz auf „meinem“ Unterricht letzte Woche sehr starke Realität und das Ziel schlechthin. Wir konnten die Frau mit unserer Anwesenheit, Zeit und Gebet segnen und waren selbst gestärkt. Ich ging danach spontan joggen, was mir voll gut tat. Ich traf dabei auf Maria und ihre Familie, denen ich alle die Hand schüttelte. Ihre kleine Enkelin Julia schreckte etwas zurpck also redete ich ein bisschen auf sie ein. Maria ermutigte auch noch. Aber sie guckte nur ängstlich. Als ich gerade wieder losrennen wollte, umarmte sie mich lang und heftig. Mir kamen fast die Tränen. Meine Gefühle waren aber wiederhergestellt, d.h. Ich fühlte mich verstanden und geliebt, mehr als bereit mich den dunklen Mächten zu stellen. Durch das Joggen verpaßte ch das A-ha- Konzert, was mich ärgerte, denn ich hätte wenigstens fragen können, wann es anfängt. Schade, ich hätte gern am Abend mal was anderes gemacht. Als ich Diana, die wie immer auf dem Deck saß, nur kurz was fragen wollte, entschied ich zu bleiben und mit ihr einen Film dort zu gucken. Dabei ergab ein lockeres Gespräch, unser zweites seitdem sie da ist…guter Abschluss.

Was möchte ich euch damit sagen?

  • Jeder hat mal einen schlechten Tag.
  • Es tut gut Leute um sich zu haben, die einem Unerfahrenheit nachsehen. In Enna’s Augen bin ich ein Kind in der brasilianischen Kultur. Hat was Beruhigendes.
  • In Mission zu sein (unabhängig ob in Brasilien oder Deutschland), mein Ziel ist es Leute für Jesus zu erreichen und Ihm selbst dafür die Ehre zu geben. Na klar, ist das umkämpft!
  • Jeder Angriff erfolgreich abgewehrt, jeder Widerstand der gegen mich aufgebaut wurde, erzeugt geistliche Muskeln und läßt einen im Nachhinein über manche Umstände lachen.
  • Es gehört eine ordentliche Portion Humor zum geistlichen Kampf.
  • Geistlicher Kampf ist ganz oft kein Austreiben von Dämonen, sondern ein täglicher Umgang mit seinen Gedanken. Denn Gedanken sind kontrollierbar, sie führen sonst zum Aussprechen, dann zum Handeln, zur Gewohnheit und schließlich wird dieses zum Teil des Charakters. Also gleich am Anfang damit gut umgehen.
  • Geistlicher Kampf sind die Alltäglichkeiten, wenn man sich auf höhere Ziele als nur sich selbst richtet, es ist ein Kampf gegen den so doch natürlichen Egoismus.
  • Bei Versagen, einfach wieder aufstehen und weitermachen, besser machen, lernen!
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Categories: Cultural Observations | Leave a comment

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