Mein erster “Flusstag” oder wie ich die Spinnenangst (ansatzweise) überwand.

….dies ist eine Geschichte die sich lohnt zu erzählen, dabei ist gar nicht so viel passiert. Ich hatte sie nur nicht in meinem letzten Newsletter erwähnt, da er zu lang geworden wäre. Deswegen diese Wiederbelebung meines Blogs.
Wie ihr vielleicht wisst, habe ich große Spinnenangst, selbst 3 cm große schwarzen Spinnen machen mir Angst und ich würde immer jemanden holen, der sie beseitigt, am besten tötet. Ich weiss, ich habe diese Angst und auch auch Reaktion darauf von meiner Mutter geerbt. Da hab ich kein Mitleid. Ich frag mich immer warum Gott sie geschaffen hat, warum so häßlich, wenn doch alles in Seinen Augen schön ist.

Als ich mich entschied nach Brasilien und dazu noch in den Regenwald zu gehen, war mir klar, dass ich dort Tiere treffen werde die vielleicht gefährlich sind, auch solche die ich nicht mag, z.B. Spinnen. Ich kann über sie im Biounterricht lehren, aber anfassen, angucken, ach ne…muss nicht sein. Auch als ich ein paar Mal im letzten Jahr im Garten arbeitete und Spinnen traf und daran dachte, dass diese in Brasilien sicherlich größer sind, konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde mit ihnen zu leben.
Erst auf der Busfahrt vom Flughafen zur Base zusammen mit Bernardo und er mir Bilder von meinem zukünftigen Zuhause zeigte, schien mir langsam klar, auf was ich mich da einließ. Da waren einige Riesenspinnen auf den Photos dabei, ich werde mitten im Regenwald leben…ich stellte mir die schlimmsten Horrorszenarien vor, u.a. aufzuwachen und eine Tarantel würde über mich krabbeln oder beim Essen auf den Tisch hopsen. Die ersten Tage lebte ich auch in dieser Angst, dass mir unerwartet eine begegnen würde. Bevor ich einen neuen Raum betrat, auch Toiletten und Duschen suchte ich ab. Ich hatte zwar schon „Spinnenzeiten“ in Australien überstanden, wo ich auf einer Farm arbeitete, wo mir beim Pötte auswaschen ständig große haarige Spinnen über die Hand liefen oder an meinem Fenster baumelten, selbst in meinem Handtuch sich versteckten. Die einzige Möglichkeit die ich damals hatte, war, eine Freundin in Deutschland anzurufen, die für mich betete und seitdem habe ich keine große Spinne mehr getroffen. Es ist ja nicht so, dass ich Angst hätte sie würden mich beißen und danach sterben. Nein. Es ist eher die Unvorhersehbarkeit ihres Auftretens.
Bernardo und mein Chef machten sich etwas lustig über mich an meinem ersten Abend dort und sagten, wenn ich keine Spinnen sehen möchte, dann soll ich doch die Augen einfach schließen. Lol, ja, das half jetzt wirklich! Die Angst nahm mich schon etwas gefangen und überlegte für mich wie ich aus meinem Versprechen der Base für zwei Jahre zu dienen, wieder rauskommen könnte. Vielleicht ruft Gott mich ja woanders hin, eher was mit Moslems in Brasilien machen??? Gut, ich steigerte mich nicht rein und informierte einfach ein paar Freunde über whatsapp, dass sie für mich beten sollten. Der Gedanke, dass ich NICHT wegen Spinnen meine Berufung aufgebe, manifestierte sich. An meinem 3. Tag berichtete ein Amerikaner der auf der Base kurzzeitig lebte, dass er eine Faszination für Taranteln habe und sie sogar über seinen Arm wandern läßt. Dieser holte auch eine tote Tarantel aus dem Badezimmer der amerikanischen Mädels an dem Tag und zeigte sie mir, ich schrie schon aus der Ferne. Ein anderes Mal fegte jemand eine tote vom Boden weg, sie sah aus wie ein schwarzes Wollknäuel. Das nahm mir etwas den Schrecken. Als ich erfuhr, dass ich nach einer Woche Aufenthalt schon eine Fluss Community fahren sollte und da generell mehr Spinnen sind, nahm es mir echt den Mut und zweifelte stark, dass das meine Berufung sein soll…ich äußerte mich aber nur wenig laut und wartete ab. Gehen kann ich immer, aber eine Erfahrung reicher sein, das lass ich mir nicht nehmen!

Am Tag vor meiner Abreise, kam meine eine Zimmergenossin Alauna von ihrem Trip zurück und sprach mir Mut zu, sagte, dass die Taranteln oft mehr Angst vor uns haben als wir vor ihnen. Klar kann ich mir das vorstellen, aber meine Angstgefühle sind trotzdem da. Alauna sagte mir, dass sie eine Tarantel an unserem Haus gesehen hat und die ungewöhnlich groß sei. Gut, solange sie nicht reinkommt. Ich wandte alle Logik an und entschied für mich, dass sie nicht reinkommen würde. Ich schlief recht gut.
Als ich am Morgen des 20. August aufwachte, verspürte ich Frieden. Als ich mein Handtuch von draußen holte um zu duschen, sah ich sie…die Tarantel an der Wand, aber mit Abstand. Ich taufte sie spontan „Raul“, denn Raul ist groß und bestimmt männlich. In mich kichernd, dachte ich, dass ich das schaffe…Zusammen mit Pedro machte ich mich eine halbe Stunde später auf den Weg zur Bushaltestelle. Im Gepäck zwei T-Shirts, eine Hängematte, die Kamera und ein Handtuch. Zum Glück wusste ich nicht viel über den Trip, wohin, wie lange wir unterwegs sein würden, was wir machen würden, wie es dort aussieht. Nur dass uns ein knackiger, Abenteuer liebender Urwaldtyp (nach der Beschreibung meiner Chefin) und ein Mädel erwarten würden, die kein Wort Englisch sprechen. Aber meine Chefin meinte, dass mein Portugiesisch gut genug ist, um das zu überstehen. Na da bin ich ja zuversichtlich. Wir fuhren einen Stunde Bus durch den Urwald, der stellenweise riesige kahle Flächen hat mit einer Riesenfabrik auch dabei. Mein starkes Umweltbewusstsein brachte mich fast zum Heulen. Aber für Gott sind Menschen wichtiger als Bäume, ich versuche das im Blick zu behalten, aber es fällt mir als Deutsche wohl besonders schwer! Im Bus sprach Gott sowieso recht viel mit mir bzw. ich hörte Ihn auf einmal klarer. Mir wurde auch bewusst, dass ich für zwei Tage absolut nicht zu erreichen sein würde. Internet klar, aber auch nicht per Telefon, keiner von uns. Schon etwas befremdlich.
In Abeatetuba (einer Kleinstadt) holte uns Alfonson ab und fuhr uns zu einem Hafen am Fluss, der wohl abgefahrenste Ort den ich bislang in Brasilien gesehen habe, einfach schwer zu beschreiben. Ich fühlte mich jetzt nicht unsicher, aber Pedro sagte nicht viel noch schien er grossartig nach meinem Wohlbefinden Ausschau zu halten. Also beobachtete ich Leute. Mit Pedro und Alfonson fanden wir unter den 100ten Booten schnell das richtige und nahmen Platz unter dem Gewühl von Menschen, den vielen Reis- und Gemüsetüten, den Körben von Acai. Ich konnte das eh nicht verarbeiteten. Wir warteten auf Thais die uns im Boot treffen sollte. Als sie eintraf, war ich schon unfähig mit ihr überhaupt zu reden, zu abgefahren erschien mir alles. Mein Leben mir gerade nicht wichtig. Es war nicht Lebensmüdigkeit, sondern, was ich kann ich sowieso an der Situation ändern, sie ist ja nicht schlimm. Als wir nach zwei Stunden endlich mit dem Motorboot und ca. 20 Leuten an Bord losfuhren, fühlte ich mich frei, ließ die Landschaft auf mich wirken und knickte schließlich weg, d.h. ich schlief ein. Während ich die Augen zu hatte aber mir sehr meines Umstandes gewahr war, überkam mich immer mal wieder Panik. Gedanken wie: ich bin jetzt ca. 5h Fahrtweg bis zum mächsten Krankenhaus in Belém entfernt. Und das ist wahrscheinlich nicht mal ein Gutes…keiner kennt mich hier richtig, warum sollte man mir helfen? Ich bin verloren. Aber im Halbschlaf gewann ich gegen diese bösen Gedanken und hörte dem Motorengeräusch einfach zu.
Und wachte erst auf als wir der Ribeirinho- community nahe kamen. Eine Idylle vor meinen Augen: kleine süße Holzhäuser mit Steg, eins zwei Booten, Wäsche die draußen hängt und ständig stiegen ein oder zwei Leute aus. Als Pedro und ich ankamen, sah ich als erstes das grün-weiße Haus einsam und aber nicht verlassen inmitten der großen Bäume stehen, wirklich schön. Die Sonne schien aufs Haus, der Bootsmann half mir aus dem Boot, ein anderer sympathischer Mann strahlte mich an und gab mir die Hand. Ich spürte sofort den Witz in seinem Lächeln. Seine langen schwarzen Haare waren zu einem Dutt aufgetürmt, so wie viele das heute haben. Ich war hin und weg, berührt von seinem Charme und Gutmütigkeit. Wäre er nicht einen Kopf kleiner als ich gewesen, hätte ich mich sofort verliebt. Aber ich sah darin keine Gefahr. Er hatte für uns drei schon gekocht, die unterste Etage war total offen, also fühlte es sich an wie im Regenwald essen. Ich fühlte mich so wohl, dass mir die beiden Taranteln die hinter mir am Sims saßen überhaupt nichts ausmachten. Klar guckte ich in den kommenden Tagen immer wieder ob sie da waren, aber spürte keine Angst. Eine sofortige Erleichterung machte sich breit, vor allem auch weil Jack so eine Sicherheit und Leichtigkeit ausstrahlte. Ich spürte seine Neugier für mich, überhaupt redeten wir vier alle als würden wir uns sofort vertraut. Klar war ich nicht flüssig in meinem Portugiesisch, aber wenn ich keine Wahl habe und nicht auf Englisch ausweichen kann, dann kommt es auch aus mir heraus. Thais, Pedro und Jack verstanden mich, die Zeit werde ich voll auskosten…
Nach dem Mittagessen war erstmal Mittagsruhe angesagt und zwar für 3 Stunden durchgehend. Erleichternd, dass es auf der Base wie auch hier so ist. Die Leute machen sowieso nichts, man kann auch keinen besuchen. Es ist einfach zu heiß und immer schwül. Ich find’s toll. Die Hängematte oben im Mädelszimmer aufgehängt und schon den besten Blick auf den kleinen Fluss mit herrlichen Bäumen, unklaren Geräuschen voll genossen und wieder weggeknickt. Lange schlafen kann ich nicht, würde es eher ruhen nennen. Also lag ich einfach da und dankte Gott für die Angst die Er mir genommen hat.
Am Nachmittag besuchten Thais und ich ein paar Frauen aus der gegenüberliegenden Community, dazu mussten wir ein Boot benutzen welches ich so nicht ernst genommen hätte, denn es lag halb unter Wasser. Jack musste erstmal das Wasser rausschütteln und vorsichtig balancieren und dann jeden einzelnen rüberfahren. Ein paar Frauen kamen mir bekannt vor, aber das grundsätzliche Reden machte schon Thais. Ich setzte mich nicht unter Druck und hörte einfach zu, verstand nicht alles. Man ließ mich stehen, fragte wenig. Beim zweiten Besuch waren auch Kinder, die, als sie hörten ich sei Deutsche sofort mit mir Fußball spielen wollten, ich ermutigte sie, dass sie diesmal 😉 gegen mich gewinnen könnten. Da hatte ich gleich zehn Kinder gegen mich und verlor natürlich. Der Jubel war groß und mein amusement auch 😉
Abends zogen wir uns auf der anderen Flussseite noch ein paar Snacks in Form von Keksen und Crackern rein, Abendessen sollte es wohl spät geben. Wir waren zu einem Bible study eingeladen. Dazu mussten wir wieder den Fluss überqueren, allerdings war es jetzt dunkel. Obwohl ich langsam machte, als ich ins Boot zu Jack stieg, geriet ich aus dem Gleichgewicht, wir schaukelten etwas zu heftig, und ehe ich es mich versah, sah ich das Boot sinken, meine Füße unter Wasser, mein Shorts nass werden und den Steg direkt vor meinen Augen. Ich schrie wohl: „wir sinken“, aber ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern. Aber daran, dass Jack mich um den Oberkörper griff und und zum Steg zog, wo ich im Schlamm selbst auftreten konnte. Ich hatte keine Angst um mein Leben, eher war es mir total peinlich, dass wir untergegangen waren. Meine Ehre als Rettungsschwimmerin schien wohl auch verletzt. Jack rief schnell zu Thais, gib ihr was zum Wechseln. Für ihn schien die Sache erledigt, obwohl er selbst total naß war. Thais meinte auch, dass sei ihr ständig passiert. Bei der zweiten Überfahrt kamen wir trocken an und auch wieder zurück. Ich fragte Jack ob er sich nicht auch umziehen wolle, aber er verneinte. Ihm mache das nichts aus.
Der Gottesdienst fand im Freien statt, der Lobpreis war rasant. Eine gutaussehende Frau sang sehr gut und sehr laut zu sehr tanzbaren Rhythmen, aber niemand tanzte. Ich empfand es als schwierig mich nicht zu bewegen. Dann kamen Frauen die sangen, dann sangen wir, Pedro sagte spontan was, ich musste mich laut vorstellen. Der Prediger schrie ca. 1h was ins Mikro, was ich schnell ermüdend fand. Jack stand hinten mit Thais und guckte immer mal wie es mir ging. Als ich nicht mehr sitzen konnte, stellte ich mich hinten hin. Schnell wurden ein paar jugendliche Jungs auf mich aufmerksam, wobei mich einer ins Gespräch verwickelte, der dann aber ungehörige Fragen stellte. Ich war fähig ihn zurechtzuweisen und das nicht an mich rankommen zu lassen. Schließlich bin heute nicht untergegangen, habe drei Taranteln gesehen und nicht geschrien und komme im Portugiesischen zurecht. Lauter Siege! Nach dem Gottesdienst gab es Cola und Kuchen, sehr typisch! Jack fragte mich nach dem Gefallen der Predigt und überhaupt und wollte eine ehrliche Antwort. Ich gestand, dass mir das Schreien, obwohl sehr brasilianisch, nicht gefällt. Ihm geht es genauso.
Zurück zuhause (ja ich fühle mich schnell zuhause), aßen wir zu Abend und lachten über den Unfall mit dem Sinken. Thais und Jack waren neugierig darüber wie ich anfangen konnte, 9 Sprachen zu lernen und wollten wissen wie sie sich anhörten, vor allem in der Musik. Also holte ich mein Handy raus, sang deutsche, hebräische und arabische Lieder mit, üersetzte teilweise. Wir lachten echt viel, hätte nie gedacht, dass ich eine Gruppe von Brasilianern auf portugiesisch unterhalten könnte.

Aber dass ich nochmals gerettet werden musste, hätte ich nicht gedacht. Schließlich stand meine erste richtige Nacht in einer Hängematte an. Was sollte schon schiefgehen. Zwar erklärte mir Thais, dass es bei meiner Hängematte eine Vorder- und Rückseite gibt, eine für tagsüber ohne Mosquitonetz und eine mit. Ich probierte etwas rum und setzte mich rein, Nur kam ich nicht mehr hoch. Irgendwas war falsch, denn hinlegen konnte ich mich auch nicht. Ich geriet zwar nicht in Panik, eher ins Lachen, aber selber helfen gelang mir nicht. Thais zog mich, schien aber nicht stark genug, ich hing da wie einer nasser Sack. Schon wieder Jack holen…ja, er fackelte nicht lange und zog mich raus. Er drehte und zeigte mir den richtigen Einstieg, schloss das Mosquitonetz, wartete bis es mir gemütlich war und guckte von oben wie ein Papa auf mich herab. Noch son’ Ding! Er muss sich echt über uns dumme Ausländerinnen amüsieren, aber das waren nur meine Gedanken! Nicht seine, dazu ist er zu gut!
Zusammengefasst: es war ein wahrhaft HERRlicher Tag. Teilweise stellt er einen Ausschnitt meines Alltags hier da, vor allem wenn ich mit anderen in die communities für ein paar Tage fahre. Aber das ist nicht das Entscheidende was ich an dem Tag erfahren sollte. Ich traf eine sehr bewußte Entscheidung FÜR diese Art von Arbeit, an diesen Orten, mit diesen Menschen und erstmal für die nächsten zwei Jahre, vielleicht sogar länger. Das hat sich über die nächsten Tage und Wochen noch bestätigt, aber dazu später mehr.
Vorher konnte ich mir das Leben hier überhaupt nicht vorstellen, wie es sein soll, wie ich zurechtkomme, was ich überhaupt bewirken kann. Ob das nicht alles zu viel ist. Aber ich spürte Gott in fast Erlebnissen des Tages so nah an mir wie schon lange nicht mehr. Die Natur berührte mich, das so andere Leben, die Einfachheit und die tollen Begegnungen, das Leben auf und am Fluss. Das Miteinander. Meinen Spinnenangst zählt nicht mehr. Zumindest beeinflusst sie nicht mehr so mein Denken und Handeln. Ich nehme die Taranteln mittlerweile sehr viel bewusster wahr und beobachte sie gern, klar, finde ich sie immer noch eklig, aber ich habe gelernt sie als Kreaturen Gottes zu akzeptieren und als Teil der Natur, die Gott als schön erschaffen hat.
Es war ein Tag des Durchbruchs.

Blick nach Aratapunzinho - ribeirinho community

Blick nach Aratapunzinho – ribeirinho community

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Categories: Cultural Observations | 2 Comments

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2 thoughts on “Mein erster “Flusstag” oder wie ich die Spinnenangst (ansatzweise) überwand.

  1. Miriam

    ein Bild von einer “grauenhaft-schönen” Tarantel wäre noch nett, um deine Angstüberwindungsschritte angemessen würdigen zu können 😉

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